Anerkennung informell erworbener Kompetenzen

Allianz Fachkräfte Baden-Württemberg

Methoden

Im hier konzipierten Entwicklungsvorhaben soll ein Instrumentarium zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen entwickelt werden. Solch ein Instrumentarium, das auf die Rahmenbedingungen in Deutschland abgestimmt ist, existiert bislang nicht. Daher wird in einer ersten Phase der Bedarf in Baden-Württemberg erhoben und mit den bereits festgestellten Bedarfen in anderen europäischen Ländern verglichen.

Das Projekt ist als exploratives Vorhaben konzipiert, in dem Bedarf und Möglichkeiten der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen empirisch erhoben werden. Die empirische Erhebung bezieht potenziell Betroffene und Personalverantwortliche mit ein. Insgesamt sollen über 50 sorgfältig ausgewählte Personen aus mehr als acht Unternehmen im Rahmen ausführlicher qualitativer Interviews befragt werden.

Das Problem der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen ist jedoch nicht nur empirisch zu lösen. Es unterstellt eine bildungspolitische Willensbildung zu der Fragestellung, ob und wie informell erworbene Kompetenzen in Deutschland anerkannt werden sollen. Insofern sollen Berufsbildungsexperten/innen, Repräsentanten/innen der Sozialpartner IG Metall und Südwestmetall sowie Vertreter/innen der Arbeitsagenturen und Kammern in die Auswertung der Untersuchung mit einbezogen werden. In der abschließenden Projektphase soll das Instrumentarium zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen als Software-Tool entwickelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden (Betroffene, Betriebe, Sozialpartner, Arbeitsagenturen, Kammern etc.).

Die Software-Entwicklung geschieht mit Methoden der partizipativen Systementwicklung, d. h. Betroffene, Vertreter/innen der Sozialpartner, Arbeitsagenturen, Kammern etc. sollen an der Software-Entwicklung unmittelbar beteiligt werden.

Projektphase 1: Innen- und Außenperspektive auf Einzelfälle

Vorüberlegungen

Das Projekt kann auf Vorarbeiten aus dem Projekt KOMPASS aufgebaut werden – ein Kooperationsprojekt, das von Südwestmetall (Verband der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg e.V.) und der IG Metall, Bezirksleitung Baden-Württemberg, durchgeführt und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Baden-Württemberg gefördert wurde.

In KOMPASS wurden Fragebögen zur Selbst- und Fremdeinschätzung von Arbeits- und Lernsituationen sowie ein Verfahren erarbeitet, mit deren Hilfe berufliche Bilanz gezogen und neue berufliche Ziele entwickelt werden können. Diese Verfahren gilt es für die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen weiterzuentwickeln.

Die festgestellten Bedarfe in den anderen europäischen Ländern werden durch Dokumentenanalyse erhoben und dort, wo es für das Projekt als besonders ergiebig erscheint, auch durch Expertengespräche ergänzt.

Nach der Erhebung der Situation in einigen europäischen Ländern wird auch die Situation in Baden-Württemberg untersucht. Nach Durchsicht einschlägiger Publikationen werden im Rahmen des Projekts auch eigene empirische Untersuchungen zum Bedarf der Anerkennung informeller Kompetenzen angestellt.

Der Ansatz geht von der Überlegung aus, dass bestimmte Bereiche in den Unternehmen schon immer vor dem Problem standen, informelle Kompetenzen anzuerkennen, weil es formale Kompetenzen für die zu besetzenden Positionen nicht oder nicht in ausreichender Zahl gab. Solche Bereiche finden sich z. B. im Bereich der Instandhaltung. Einen Ausbildungsberuf Instandhaltung gibt es nicht: Instandhalter/innen rekrutieren sich aus den Berufsfeldern Elektronik, Mechanik und Mechatronik, die aber alle drei nicht speziell auf den Bereich der Instandhaltung zugeschnitten sind.

Die Betriebe mussten also schon immer auch die informell erworbenen Kompetenzen der Bewerber/innen abschätzen, um die geeigneten Mitarbeiter/innen für die zu besetzenden Positionen zu finden. Daraus kann geschlossen werden, dass die in den Betrieben mit der Personalauswahl befassten Personen ein Know-how entwickelt haben, das durch spezielle Interviewtechniken untersucht werden kann.

Interviewstudie

Die Interviews sollen auf der Grundlage eines systematisch entwickelten Begriffs des informellen Lernens erfolgen. Im Projekt soll konsequent eine subjekt-orientierte Perspektive eingenommen werden, d. h. das vom Subjekt initiierte Lernen zur Bewältigung beruflicher Herausforderungen und die Lernresultate stehen im Mittelpunkt. Dabei interessieren die Lernprozesse, die die Subjekte bewusst oder unbewusst entwickeln, um in ihrem beruflichen Alltag zu bestehen, da davon auszugehen ist, dass diese Lerntätigkeit Spuren in der Persönlichkeit des Lernenden hinterlassen haben, die von den Beteiligten bei der Personalauswahl herangezogen werden.

Die Interviews mit den Personalverantwortlichen sollen zeigen auf welche Kriterien sich die Auswahl stützt, wenn formale Kriterien nicht weiterführen. In diesem Bereich sollen in acht Unternehmen Interviews mit Mitarbeitern/innen des Personalwesens, mit Fach- und Führungskräften sowie mit Vertreter/innen des Betriebsrates geführt werden.

Zusätzlich zu den in die Personalauswahl eingebundenen Personen (Außenperspektive) sollen die Betroffenen selbst genauer untersucht werden. Betroffene sind in diesem Fall Personen, die im Rahmen informellen Lernens beruflich relevante Kompetenzen erworben haben und diese entweder für ihre berufliche Laufbahn nutzen konnten oder auch Schwierigkeiten mit der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen erfuhren (z. B. kam es durch das Fehlen formaler Abschlüsse zu Brüchen in der Erwerbsbiographie oder Aufstiegsmöglichkeiten wurden wegen fehlender Zertifizierung des erworbenen Erfahrungswissens behindert).

Gesucht werden dafür Interviewpartner/innen, die durch folgende Randbedingungen gekennzeichnet sind:

  • sie haben Zeiten längerer Betriebsangehörigkeit hinter sich gebracht,
  • sie haben diese Zeit für Erfahrungen genutzt, z.B. durch bewusst herbei geführte wechselnde Einsatztätigkeiten,
  • sie haben in ihrem Rahmen Karriere gemacht, z.B. zum Vorarbeiter/in oder Schichtführer/in,
  • sie scheitern beim Wiedereinstieg in die Arbeit oder bei dem Erreichen von angestrebten Wunschpositionen.


Durch spezifische Interviewformen sollen die Betroffenen selbst (soweit möglich aber auch Personen aus dem Arbeitsumfeld und Personalverantwortliche) zu Entscheidungsgründen befragt werden. Die Leitfrage hier lautet: Werden vorhandene informell erworbene Kompetenzen nicht erkannt? Wenn ja: Woran liegt es? Was unterscheidet diese negativen Fälle von den positiven Fällen, in denen solche Kompetenzen berücksichtigt wurden?

Diese Fragestellung wird differenziert für die o. g. typischen Tätigkeitsfelder der Metall- und Elektroindustrie verfolgt. D. h. für jedes der drei Tätigkeitsfelder (Produktion, Instandhaltung, Arbeitsvorbereitung/Konstruktion) sollen möglichst je fünf Interviews mit Angehörigen der beiden Statusgruppen (An- und Ungelernte, Facharbeiter/innen) geführt werden. In dieser Phase sind für die geplanten Interviews voraussichtlich fünf Betriebe notwendig.

Das BARB-Modell

Bei der Entwicklung der Interviewleitfäden sowie der Auswertung der Daten wird ebenfalls das bereits erfolgreich erprobte BARB-Modell der Selbstsozialisation berücksichtigt. Dabei steht B für Bilanzierung eines berufsbiographischen Abschnitts; A für Aspiration, also Ansprüche und Pläne, die in der nächsten Phase beruflicher Entwicklung umgesetzt werden sollen; R für die tatsächliche Realisierung dieser Vorhaben und B für ihre erneute Bilanzierung. Mit diesem Modell kann die Interaktion von Individuum und Umwelt im Kontext beruflicher Sozialisation erfasst werden.


Neben dem interviewgestützten Vorgehen sollen andere Methoden der Kompetenzanalyse hinzugezogen werden, die komplementären und ergänzenden Charakter haben. Der Verbalisierung von informell erworbenen Kompetenzen sind enge Grenzen gesetzt, daher sollen Methoden entwickelt werden, die z. B. im Sinne eines Portfolios von den Betroffenen selbst erstellt werden, beispielsweise durch Fotos und Filme von und über Produkte und Leistungen, die sie in Hinblick auf ihre Berufsbiographie als besonders bedeutsam erachten.

Projektphase 2: Bewertung und Validierung der Fälle durch Experten und Wissenschaftler, Entwicklung des Bewertungsinstruments

Die erste Projektphase bezieht sich auf die Ebene der Einzelpersonen, wenn auch bereits in Außen- und Innenperspektive unterschieden wird. Im zweiten Teil sollen die Erfahrungen von Personalentscheidern/innen, Arbeitsvermittlern/innen und Kammermitarbeitern/innen in Workshops einbezogen werden. In diesen Workshops sollen Fälle aus dem ersten Untersuchungsteil Personen aus unterschiedlichen Unternehmen und Arbeitsämtern präsentiert und zur Diskussion gestellt werden. Ziel ist es, die jeweils individuellen Vorgehensweisen der Fremdbewertung informeller Kompetenzen durch den Vergleich mit anderen deutlich werden zu lassen.

Entwicklung und Validierung von Kategorien zur Kompetenzbewertung im Dialog mit Stakeholdern

Von Seiten der wissenschaftlichen Begleitung werden im zweiten Teil die anfangs erwähnten Kategorien für die Beurteilung der informell erworbenen Kompetenzen einer zweiten empirischen Validierungsrunde ausgesetzt. Ziel ist es, empirisch valide Kategorien für die Bewertung der informell erworbenen Kompetenzen zu entwickeln, die zu einem Instrument der Kompetenzdiagnostik und darauf aufbauend der Anerkennung der informell erworbenen Kompetenzen weiterentwickelt werden sollen. In der ersten Version soll ein Evaluationsbogen entstehen, der das Vorgehen der Wissenschaftler/innen und der Praktiker/innen in gewissem Sinne standardisiert, d. h. das Vorgehen von den Besonderheiten der Untersuchungsperson befreit und damit objektiviert.

Die Methode des Vorgehens in den Workshops besteht aus mehreren Schritten. In einem ersten Workshop werden Experten/innen, die mit Personalauswahl befasst sind, zunächst die ausgesuchten Fälle aus der Projektphase 1 zur Bewertung vorgelegt. D. h. die Experten/innen bewerten diese Fälle nach ihrem üblichen Vorgehen und ohne Beeinflussung durch die Wissenschaftler/innen. Im nächsten Schritt werden die Resultate der Teilnehmenden an dem ersten Workshop mit denen der Wissenschaftler/innen verglichen und bei Abweichungen wird geprüft, warum diese zustande gekommen sind. Das Validieren der schon genannten Kategorien informell erworbener Kompetenzen erfolgt hier über ihre Akzeptanz bei Experten/innen und anhand von konkreten Fällen.

Die Ergebnisse aus den Expertenworkshops und den Einzelbefragungen aus der Projektphase 1 werden zu einem Evaluationsbogen verdichtet, der sowohl den Personen, die ihre informell erworbenen Kompetenzen präsentieren wollen als auch Personalentscheidern/innen zur Verfügung gestellt wird. Der Evaluationsbogen enthält eine wissenschaftlich abgesicherte Vorgehensweise zur Ermittlung der informell erworbenen Kompetenzen sowie eine Auswertungsroutine.

Außerdem soll das von der zu evaluierenden Person gelieferte Material zu einem aussagekräftigen Portfolio zusammengestellt werden.

Im letzten Schritt sollen Portfolio und Evaluationsbogen weiteren Personalentscheidern/innen und Berater/innen der Arbeitsagenturen im Rahmen eines Workshops zum Test vorgelegt werden. Ziel ist es, zu prüfen, ob die in der Voruntersuchung festgestellten informellen Kompetenzen von diesem Personenkreis unter Verwendung von Evaluationsbogen und Portfolio erkannt werden.

Projektphase 3: Validierung des Bewertungsinstruments und Weiterentwicklung zu einem Softwaretool

In den bisherigen Projektphasen wurden Betroffene und Personalentscheider/innen berücksichtigt. Die Fälle wurden von Projektmitarbeitern/innen und Außenstehenden bewertet, das Instrument entwickelt. In dieser Projektphase soll das entwickelte Instrumentarium einer Akzeptanzprüfung bei Sozialpartnern, Kammern, Arbeitsagentur und Berufsbildungsexperten/innen unterzogen werden. Die Erstellung von Evaluationsbogen und Portfolios soll durch ein Computerprogramm beschleunigt werden, damit die unterschiedlichen Personen bei der Erstellung von Evaluationsbogen und Portfolio nicht immer persönlich zusammenkommen müssen, sondern über das Web kommunizieren können.

Bei der Gestaltung eines solchen Tools treten Fragen auf, die die Beteiligung von Betroffenen sowie Repräsentanten/innen von Kammern und Verbänden notwendig machen. Deren Mitgestaltung soll durch Methoden der partizipativen Systementwicklung sichergestellt werden. Insbesondere sollen mögliche Anwendungsfelder und -fälle diskutiert werden, wie z. B. die rein individuelle Nutzung des Computerprogramms zur Dokumentation informell erworbener Kompetenzen oder die Nutzung des Instruments durch die Kammern zwecks Anerkennung informell erworbener Kompetenzen bis hin zur Einbindung des Instruments in den Deutschen Qualifikationsrahmen.

Die Einbeziehung von potenziellen Nutzern/innen dient dazu, das Software-Tool so einfach handhabbar und benutzerfreundlich zu machen, dass es auch von Personen aus bildungsfernen Schichten unproblematisch zu gebrauchen ist. Aus der Auswertung dieser Projektphase ergeben sich dann Kriterien für die Gestaltung des Programms, welche die Akzeptanz in der Praxis in möglichst weitgehendem Ausmaß sicherstellt und somit eine hohe Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt wahrscheinlich werden lässt.

Projektphase 4: Umsetzung und Transfer

Ist das Software-Tool entwickelt, erprobt und validiert, kommt es darauf an, dass es im Zusammenhang mit den übrigen Projektergebnissen verbreitet und im großen Stil angewendet wird. Dafür soll mit den im Projekt Beteiligten (Sozialpartner, Arbeitsagenturen, Kammern u.a.) ein Konzept für Umsetzung und Transfer entwickelt werden.

In diesem Konzept sind Aussagen darüber zu treffen, wie das Software-Tool Betrieben und Privatpersonen zur Verfügung gestellt werden kann (z. B. als Download von Internetseiten und/oder als CD), wer die Software zur Verfügung stellt und ggf. auch Beratungsleistungen anbietet (z. B. Sozialpartner, Arbeitsagenturen, Kammern u.a.), wie für die wirksame Verbreitung der Projektergebnisse gesorgt werden kann und wie Rückmeldungen über Akzeptanz von Instrumenten und Verfahren bei Betroffenen, Betrieben und Institutionen eingeholt werden können. Zu den genannten Zwecken sind auch Weiterbildungsaktivitäten, wie z. B. Informationsveranstaltungen und Workshops geplant.