Anerkennung informell erworbener Kompetenzen

Allianz Fachkräfte Baden-Württemberg

Hintergrund

In Baden-Württemberg werden nach Einschätzung des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) im Jahr 2015 280.000 und im Jahr 2030 schon 500.000 Fachkräfte fehlen. Dies trifft insbesondere die Metall- und Elektroindustrie. Vor diesem Hintergrund wird an vielen Fronten daran gearbeitet, Fachkräftepotenziale ausfindig zu machen und für den Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg nutzbar zu machen. Die bislang vorgeschlagenen Maßnahmen haben sowohl langfristige Perspektiven, etwa wenn es darum geht, die Ausbildungsreife von Schulabgängern/innen zu erhöhen oder das frühkindliche Interesse an Technik zu wecken, als auch relativ kurzfristige Ziele, etwa die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die höhere Erwerbsbeteiligung von älteren Mitarbeitern/innen und die Reduzierung von Frühpensionierungen.

Bemerkenswerterweise wurden aber die in vielen europäischen Ländern bereits entwickelten Werkzeuge zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen bislang nicht untersucht. Dabei liegt hier ein Potenzial, dass für die Linderung des Fachkräftemangels von erheblicher Bedeutung ist.

Anerkennung informell erworbener Kompetenzen als Mittel gegen Fachkräftemangel

Pointiert gesagt liegt in den informell erworbenen Kompetenzen ein Schatz, der bislang nicht gehoben wurde. Viele Menschen in Baden-Württemberg sind in der Lage, Arbeiten auf einem viel höheren Qualifikationsniveau zu verrichten, als sie es zurzeit tun. Sie scheitern in ihren Bemühungen, ihrer Kompetenz entsprechend eingesetzt zu werden, an dem Fehlen formaler Nachweise. Auf der anderen Seite stehen Personalabteilungen und Vermittlungsagenturen vor dem Problem, solche informell erworbenen Kompetenzen bei der Arbeitskräftevermittlung kaum heranziehen zu können. Bislang gibt es keine Instrumente, mit denen informell erworbene Kompetenzen erhoben und in einer Weise dokumentiert werden können, die sowohl von denen akzeptiert werden, die nach Arbeit suchen, die ihren Kompetenzen entspricht, als auch von Mitarbeitern/innen der Arbeitsagenturen und Personalabteilungen. An diesem Punkt greift das vorliegende Projekt an, wir wollen ein solches Instrument entwickeln und es auch erproben. Die AgenturQ, die über langjährige Erfahrungen mit Projekten sowie der betrieblichen Beratungspraxis der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg verfügt, setzt sich seit langem mit diesem Themenkomplex wie auch der Planung des hier beantragten Projektes AiKo auseinander.

Erwerb von Kompetenzen durch Lernen im Arbeitsprozess

Für die Aneignung beruflicher Kompetenzen hat informelles, d. h. nicht-institutionalisiertes Lernen schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Manche Kompetenzen, wie z. B. ein Gefühl für Arbeitsmaterial, Bearbeitungsverfahren und Werkzeuge zu entwickeln, lassen sich ohne Lernen im Prozess der Arbeit überhaupt nicht erwerben. Lernen im Prozess der Arbeit oder auch Lernen in der Privatsphäre findet häufig informell statt. Es wird nicht mit einem formalen Bildungsabschluss, meist mit überhaupt keinem Zertifikat versehen. Menschen, die überwiegend informell gelernt haben, haben es deshalb schwer, ihre Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt nachzuweisen.

Anerkennung informell erworbener Kompetenzen im europäischen Kontext

In einigen europäischen Ländern sind in den vergangenen Jahren Ansätze entwickelt worden, neben den formalen Bildungsabschlüssen auch Ergebnisse informellen Lernens stärker anzuerkennen. Zu diesen Ansätzen gehört die „Bilan des Compétences“ in Frankreich oder die „Accreditation of Prior Learning“ in Großbritannien. Aber nicht nur in Bildungs- bzw. Berufsbildungssystemen, an deren Leistungsfähigkeit mitunter gezweifelt wird, hat man sich dieser Fragestellung gewidmet. Auch beispielsweise im – nicht zuletzt durch die PISA-Studien – hoch geachteten finnischen Bildungssystem sind entsprechende Ansätze entwickelt worden.

Neben diesen Ansätzen, die einige Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) von sich aus entwickelt haben, ist die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen auch durch die Gremien der EU auf die Tagesordnung gesetzt worden. Dieses Thema spielt eine Rolle in Bildungsinitiativen der EU wie dem Programm „Lebenslanges Lernen“, aber auch und gerade in der europäischen Bildungsarchitektur, die mit dem Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) eingerichtet worden ist. Die Philosophie des EQR besteht darin, eine Einstufung von Kompetenzen (in acht Niveaustufen) vorzunehmen, unabhängig davon, wo diese Kompetenzen erworben sind.

Diese Philosophie gründet auf den großen Unterschieden in den Berufsbildungssystemen der europäischen Mitgliedstaaten – ein und dieselbe Kompetenz kann in einem Land durch ein Hochschulstudium, in einem anderen Land durch eine duale Berufsausbildung und in einem dritten Land nur durch informelles Lernen erworben worden sein. Würde man eine bestimmte Niveaustufe beruflicher Kompetenz ausschließlich mit einem bestimmten formalen Bildungsabschluss verbinden, z. B. mit einer dreijährigen formalen Berufsausbildung, würde man die Bürger/innen von Staaten benachteiligen, in denen dieselbe Kompetenz im Allgemeinen auf andere Weise, z. B. durch informelles Lernen, erworben wird. Dieser Sachverhalt bedeutet nun, dass der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in allen Staaten Europas generell eine größere Aufmerksamkeit zuteilwird als bislang, denn es gilt zu berücksichtigen, dass eine Vielzahl von Kompetenzen auf informellem Wege angeeignet werden kann.

Die Mitgliedstaaten der EU sind aktuell aufgefordert, den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) in nationale Qualifikationsrahmen (in Deutschland: Deutscher Qualifikationsrahmen (DQR)) zu übersetzen.